Wie der Eiskimo zu seinem Namen kam

Eine Geschichte von Matthias Dörner

Kimo stocherte lustlos in seinem Essen. Er drehte den Teller mal in die eine mal in die andere Richtung. Aß einen kleinen Happen, während er seinen Kopf auf einen Unterarm gestützt hielt. Besorgt sah seine Mutter ihn an: „Was ist los mit dir Kimo? Geht es dir nicht gut?“. „Doch, doch. Aber mir schmeckt es heute einfach nicht.“ „Ich dachte es sei dein Leibgericht und da du mir gestern so lieb zur Hand gegangen bist, habe ich es heute für dich gekocht.“. „Das ist sehr lieb Mama, aber ich würde gerne etwas anderes, als immer nur Fisch essen“.

Ihr müsst wissen liebe Kinder, Kimo ist ein kleiner Eskimojunge. Er wohnt hoch oben im Norden in einem Land, in dem der Schnee niemals verschwindet. Hier müssen sich die Menschen von dem ernähren, was ihnen die Natur bietet, zumeist Fisch.

Wenig später begannen die großen Schulferien und Kimo nutzte die Zeit zum Nachdenken. „Ob die Menschen überall auf der Welt auch nur Fisch essen?“. Die Sonne verschwand langsam am Horizont und färbte den Schnee in ein glitzerndes Rot. Kimo stand auf und begab sich auf den Heimweg. Sein Entschluss stand fest. Er würde losziehen und selbst herausfinden, was die Menschen in der Ferne essen.

Mit gepacktem Rucksack auf den Schultern stand Kimo wenige Tage später am Eingang seines Iglus. Besorgt verabschiedete sich seine Mutter bei ihm „Pass schön auf dich auf, hörst du!“. Sie hoffte ihn bald wieder in die Arme schließen zu dürfen.

Mit einem Lied auf den Lippen stapfte er durch den Schnee davon, immer Richtung Süden. Er lief viele Meilen am Tag und schlief in einem Zelt bei Nacht. Langsam veränderte sich die Landschaft um ihn herum. Der Schnee verschwand zunehmend und schuf Platz für grüne Wiesen. Die Tagen wurde länger und wärmer. Bald wurde es so warm, dass Kimo anfing zu schwitzen. Große Bäume und Büsche säumten seinen Weg. Vögel zwitscherten und brachten den kleinen Eskimo nicht mehr aus dem Staunen. „Hier sieht es so anders aus als zu Hause!“ bemerkte Kimo voller Verwunderung und wäre beinahe über eine Wurzel gestolpert. Plötzlich stand er vor einem Zaun.

Auf der Wiese hinter dem Zaun standen vereinzelt Bäume mit vielen bunten Bällen, die zwischen den Blättern hervorlugten. Auf jedem Baum hingen immer die gleichen Bälle, mal rot, mal orange oder lila. Menschen mit großen Körben auf dem Rücken standen auf Leitern und sammelten die Bälle ein. Gebannt bestaunte Kimo das Treiben. Schnell duckte er sich hinter eine Hecke, um nicht aufzufallen. Er wartete ab, bis der letzte Sammler vom Baum stieg und hinter der nächsten Anhöhe verschwand.

Jetzt kroch er vorsichtig aus seinem Versteck, kletterte über den Zaun auf die Wiese. Ganz leise schritt er zum nächsten Baum und erklomm die ersten Zweige. „Gar nicht so einfach!“ keuchte Kimo angestrengt. Endlich waren die seltsamen Bälle zum Greifen nah. Er streckte sich und bekam fast einen zu fassen, als eine laute Stimme von unten ertönte. „Ein kleiner Mann in meinem Pflaumenbaum, was sagt man dazu!“. Am Fuß des Baumes stand ein Mann und schaute zu ihm hoch. Kimo bekam weiche Knie und klammerte sich fester an den Ast, auf dem er saß. „Hab ich dich erschreckt? Tut mit leid, das wollte ich nicht! Komm mal runter und erzähle mir, wer du bist!“. Der Junge nahm all seinen Mut zusammen und kletterte vom Baum. Als der Mann Kimos Bericht zu Ende gelauscht hatte, begann er laut zu lachen „Ich bin der Bauer hier und was du auf den Bäumen siehst, sind keine Bälle, sondern Früchte! Die kann man essen und sie sind obendrein noch lecker und gesund. Komm mit ich zeige dir alle, die auf meinem Land wachsen!“. Kimo staunte als er wenig später die Körbe sah, welche die Männer auf ihren Rücken getragen hatten. Darin befanden sich Äpfel, Birnen, Pfirsiche und Pflaumen, wie Kimo erfuhr.

Er durfte von allen probieren und fand sie einfach nur großartig. So etwas Saftig und Süßes hatte der kleine Eskimojunge in seinem ganzen Leben noch nicht gegessen! Der Bauer schenkte Kimo einen Korb, den er mit den verschiedensten Früchten befüllte. Ein kleines Körbchen mit Erdbeeren legte er noch dazu. „Die sind aus dem Supermarkt“. Kimo bedankte sich überschwänglich beim Bauer für das nette Geschenk und verabschiedete sich.

„Das Obst muss ich meinen Freunden unbedingt zum Kosten geben! Die werden Augen machen!“ dachte der kleine Eskimo, während er hastig die Heimreise antrat.

Herzlich empfing das ganze Dorf den Heimkehrer und lauschte gespannt seinen Erzählungen. Jetzt gab es kein Halten mehr, alle wollten sie von den Früchten kosten. Der Erste biss herzhaft in einen Apfel und fing laut an zu jammern: „Der ist ja hart wie Stein, den kann man ja gar nicht essen!“. Erschrocken versuchte Kimo in einen Pfirsich zu beißen: „Autsch, was ist denn da passiert?“. Alle Früchte sind durch die Kälte gefroren und somit zu hart zum Essen.

Erschöpft von der langen Reise und enttäuscht legte sich der kleine Eskimo in sein Bett und schlief unruhig ein. Im Schlaf kullerte eine kleine Erdbeere aus seiner Tasche zu ihm ins Schneebett. Als er am nächsten Morgen erwachte, lag er bäuchlings auf der Erdbeere. Von ihr war nicht mehr als ein roter Fleck im Schnee übrig geblieben. Voller Verwunderung betrachtete Kimo den Fleck genauer, griff dann zu einem Löffel und probierte den rot gefärbten Schnee. Es schmeckte wundervoll! Viel zu schnell war alles aufgegessen und Kimos Magen verlangte nach mehr.

Die kommenden Tage ersann Kimo verschiedenste Möglichkeiten den arktischen Schnee mit den mitgebrachten Früchten zu verbinden. Das war ein Spaß! Wunderbar anzusehen leuchtete das Fruchteis in den verschiedensten Farben der verwendeten Früchte. Schnell sprach sich Kimos neue Leidenschaft herum und alle Eskimos kamen um zu probieren. Zu kleinen Kugeln gerollt verteilte Kimo sein Eis unter den gespannt wartenden Freunden. Genussvoll verschlangen sie ein Eis nach dem anderen. Sie schleckten und schmatzten bis nichts mehr übrig war. Da er allen so viel Freude bereitet hatte, nannten sie Kimo von nun an liebevoll ihren EISkimo.

Eines Abends sprach Eiskimo mit seiner Mutter bei einer Tasse Lebertran über seine weiteren Pläne. Gerne wolle er wieder aufbrechen, um andere ferne Länder zu besuchen. Viele leckere Zutaten, aus denen er Eis bereiten könne, wolle er mitbringen. Seine Mutter küsste ihn auf die Stirn „Du bist etwas ganz besonderes mein kleiner Eiskimo!”

Seit dieser Zeit besuchte Eiskimo viele ferne Länder und Kontinente. Noch heute geht er gerne auf Reisen. Und immer bringt er etwas mit, aus dem er eine neue wundervolle Eissorte zaubert. Schau mal nach bei deinem Eiskimo um die Ecke! Vielleicht triffst du den kleinen Eiskimo, wenn er von einer langen Reise auf einen Besuch vorbeischneit!